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Sonntag, 19.11.2017

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Analoge vs. Digitale Nachbearbeitung

Immer wieder begegne ich der Meinung: “Das ist ja nur nachbearbeitet. Das sieht ja im Original gar nicht so aus!”. Es gibt ganz offentsichtlich eine Reihe von Leuten, die Fotos nur so mögen/akzeptieren wie sie aus der Kamera kommen. Auch unter den Fotobloggern scheint es in dieser Hinsicht eine nicht kleine Fraktion zu geben. Woher kommt das?

Ich möchte daher nur einmal kurz den analogen und digitalen Workflow in der Dunkelkammer bzw. der Bildbearbeitungssoftware anhand der Schwarz-Weiß-Fotografie und meinen Erfahrungen aus der analogen Vergangenheit miteinander vergleichen.

Workflow Analog Workflow Digital
Helligkeit Regelt sich über die Zeitdauer, die das belichtete Bild in der Entwicklerlösung liegt. Je länger es im Bad liegt, desto dunkler wird das Motiv. Direkt über den Helligkeitsregler
Kontrast Einen schwachen oder starken Bildkontrast kann man durch die eingesetzte Papiersorte. Hartes Papier bringt harte Kontraste, weiches Papier entsprechend weichere Abstufungen. Direkt über den Kontrastregler
lokale Überbelichtung Abwedeln des entsprechenden Bildausschnitts. D.h. während der Belichtung des Papiers werden diese Bereiche mehrfach kurzzeitig abgedeckt - z.B. mit der Hand (daher das Wort abwedeln) Tiefen/Lichter-Korrektur bzw. Ebenenüberlagerung (Multiplizieren)
Unterbelichtung Regelt sich über direkt über die Belichtungszeit des Papiers. Dadurch lassen sich Belichtungsfehler in einem gewissen Bereich korrigieren. Tiefen/Lichter-Korrektur bzw. Ebenenüberlagerung (umgekehrt Multiplizieren)
Ausschnittvergrößerung Am Belichtungsapparat ist die Vergrößerung frei einstellbar. Beschneiden des Bildes
Stürzene Linien korrigieren Korrektur durch Neigung der Bildebene Perspektivische Verzerrung des Bildes
Lokale Schärfe Entsprechende Bildteile werden einfach mit einer anderen Schärfeeinstellung separat belichtet. In Kombination mit Abwedeln mittels entsprechend geformter Schablonen ist die Auswahl der Bildbereiche prinzipiell beliebig. Exakt genauso wie bei der analogen Methode, nur pixelgenau.
Farb-/Kontrastvariation durch Filtereinsatz Polarisationsfilter, Unschärferkreise, Weichzeichner, Gitterfilter, Neutralgraufilter, Verlaufsfilter. Nutzung von Farbfilter und/oder Filmen mit anderen spektralen Empfindlichkeiten (z. B. IR) bei der B/W-Fotografie. Grundsätzlich können viele Filtereffekte noch nachträglich eingefügt werden. Einige der genannten Filter gehören auch in der digitalen Bildbearbeitung zu den Standardwerkzeugen. Andere sind nur sehr aufwendig durch mehrschichtige Ebeneneffekte von Profis realisierbar.

Die Liste ist bei weitem nicht vollzählig. Nach- & Mehrfachbelichtungen, Weichzeichnen, Retuschiermöglichkeiten (auf dem Negativ oder dem ausbelichteten Foto), das Nachcolorieren von s/w-Aufnahmen u.v.a sind keine neuen Techniken.

Klar geht die Arbeit am Rechner zügiger und problemloser von der Hand. Wenn's nicht so wäre, hätte sich die digitale Fotografie wohl kaum durchgesetzt. Dennoch waren all die grundsätzlichen Möglichkeiten der Nachbearbeitung, um aus einer guten Negativ ein wirklich tolles Foto zu machen) bereits vorhanden. Und was vorhanden ist wird auch genutzt. Dabei handelt es sich in der obigen Tabelle zunächst nur um die einfachsten Variationsmöglichkeiten bei der Bildausbelichtung. Aus einem Foto in dem die Bildgestaltung nicht stimmt kann man heute, wie auch damals, kein Traumfoto machen.

Dem Analogfotograf stehen für die Bildgestaltung (also Farbgebung/ -sättigung/ Körnung/ Lichtempfindlichkeit) eine riesige Anzahl von Negativ- und Diafilmen mit unterschiedlichsten Eigenschaften zur Verfügung. Hier kann die Digitaltechnik auf der Kameraseite bisher nicht einmal ansatzweise einen vergleichbaren Spielraum bieten. Dafür sind hier die digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten teilweise ausgefeilter.

Eine Nase gerade zu rücken oder Falten aus dem Gesicht zu entfernen ist durch die digitale Technik um vieles einfacher geworden. Hingegen sind manche analoge Effekte (besonders harte Kontraste, ungewöhnliche Farben durch die Verwendung spezieller Filme und Entwicklungstechniken) nur mit aufwendigen mehrschichtigen digitalen Ebeneneffekten erreichbar. Früher wie heute ist allerdings viel Erfahrung und ein gewisses handwerkliches Können die Voraussetzung, um die Vielzahl der Möglichkeiten für die Nachbearbeitung - sei sie nun analog oder digital - sinnvoll einzusetzen.

Der SPIEGEL hat sich vor einiger Zeit ebenfalls des Themas "Digitale Nachbearbeitung" angenommen. Im Bezug auf Bildmanipulation sind folgende beiden Zitate aus dem Artikel erwähnenswert:

"Bilder sind heute nicht weniger vertrauenswürdig als früher", da ist sich Anders Uschold sicher: "Heute geht das Fälschen vielleicht schneller, aber nicht perfekter." Der vereidigte Sachverständige für analoge und digitale Fotografie verweist auf eine klassische Technik: Kopf aus einem Papierbild ausschneiden, passgenau auf ein zweites kleben und abfotografieren. Bei sauberer Arbeit konnte man dem Fälscher den Eingriff auch schon vor 50 Jahren kaum nachweisen.

... und ...

So setzte sich in der Fotografie fort, was schon bei den alten Ägyptern und Römern geschehen war - das Löschen aller Darstellungen unliebsam gewordener Personen aus der kollektiven Erinnerung. In vorchristlichen Zeiten hieß das, Statuen und Steinreliefs mit dem Meißel zu "korrigieren", zwei Jahrtausende später war Feinarbeit mit dem Retuschepinsel unter der Lupe gefragt. So ließ Stalin Trotzki aus Fotos mit Lenin perfekt herauslöschen.

Letztlich zählt das Ergebnis und nicht der technische Werdegang. Bei welchem Gemälde entscheidet die Verwendung von Pinsel oder Spachtel über den künstlerischen Wert?

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